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Von allen guten Geistern verlassen

 

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen setzt ein Bahnschaffner ein alleinreisendes Kind aus, weil es keine Fahrkarte hat. Das 13jährige Mädchen hat die Geldbörse samt Ticket zu Hause vergessen. In Wittstock, etwa 42 Kilometer von ihrem Heimatort Neuruppin entfernt, muss das Kind den Zug verlassen, wo es zum Glück auf einen hilfsbereiten Taxifahrer trifft.

 

Drei Wochen zuvor schleppt eine Zwölfjährige ihr Cello fünf Kilometer weit durch die Dunkelheit nach Hause, weil eine Schaffnerin sie des Zuges verweist. Selbst das Angebot eines Mitreisenden, die Fahrkarte der Schülerin zu bezahlen, lehnt die pflichtbewusste Bahnbedienstete ab. Ordnung muss sein.

 

Die Bahn bemüht sich nun, den medialen Wirbel durch eine beflissene Entschuldigung zu beruhigen und erklärt, dass es eine klare Dienstanweisung gebe, nach welcher minderjährige Kinder unter keinen Umständen des Zuges verwiesen werden dürfen, bevor sie den Zielbahnhof erreicht haben. Die betreffenden Schaffner seien vom Dienst suspendiert worden. So weit, so gut. Zwei unglückliche Einzelfälle eben, rein zufällig zeitnah geschehen, könnte man sagen.

Meiner Ansicht nach sind solche Vorgänge jedoch nicht mehr und nicht weniger als deutliche Seismographen für den Zustand unserer immer mehr verrohenden Gesellschaft. Sie sind ein Hinweis auf die Ursachen der uns umgebenden Flut von Gesetzen, Verordnungen und Dienstanweisungen. Immer mehr Menschen sind scheinbar von allen guten Geistern verlassen. Es fehlt ihnen das mindeste Gefühl für die Grenzen, die der Ausübung ihres jämmerlichen, kleinen Stückchens Macht natürlicherweise gesetzt sein sollten. Und so müssen menschliche Regungen eben durch Dienstanweisungen ersetzt werden. Laut der Bahn soll dieses Thema nun sogar in Fortbildungsveranstaltungen speziell aufgegriffen werden. Ja, man stelle sich vor: Es gibt tatsächlich Menschen, denen explizit vermittelt werden muss, dass man ein Kind nicht willkürlich in Gefahr bringen darf.

 

Wirklich weit ist es mit uns gekommen. In einer Zeit, da unser Bildungssystem unter Schlagwörtern wie „Soziale Kompetenz“ erstickt, führt uns die Handlungsweise des einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft die Hilflosigkeit solcher Kampfbegriffe deutlich vor Augen. Die heute so viel beschworene Sozialkompetenz, welche den allgemeinen Schwund natürlicher, menschlicher Regungen übertünchen soll, ist wie ein weißer Stock, der einem Blinden zwar die Orientierung ermöglicht, ihm aber nicht die Sehkraft zurückgeben kann.

 

Bauen wir ruhig weiter an unserem Sozialwesen, unseren pädagogischen Konzepten, an unserem Versicherungssystem, welches die Folgen allgemein mangelnder menschlicher Regungen für den Einzelnen abfedert. Veranstalten wir Aktionstage und Aufrufe, dank derer mancher Gutmensch sich wenigstens zeitweise als guter Mensch fühlen darf. Denn, nicht wahr, wir haben wenigstens „etwas getan“. Gegen die Verblödung. Gegen die Verrohung. All das enthebt uns der Verantwortung, außerhalb einer vorgegebenen Struktur menschlich zu handeln.

 

Natürlich gibt es sie noch, die Menschen, die das Richtige vom Recht zu unterscheiden vermögen. Den Fahrgast zum Beispiel, welcher der Schaffnerin spontan anbot, dem Kind die Fahrt zu bezahlen. Oder den Taxifahrer, der das Mädchen aus dem zweiten Fall ohne lange Diskussionen sicher nach Hause gebracht hat. Nehmen wir solches Handeln zur Messlatte. Dann können wir all die Regelungen, Gesetze und Dienstanweisungen getrost vergessen. Und das Geschwafel von der „Sozialkompetenz“ gleich mit.   

©Ursula Prem, November 2008

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