Der ganz normale Wahnsinn Neulich hatte ich im Supermarkt ein Erlebnis, das ich den Lesern von newsandbuy.de nicht vorenthalten möchte, da ich es als symptomatisch für die Krankheit unserer Zeit erachte. Vorausschicken möchte ich, dass mein Stammsupermarkt schon sehr viele Jahre besteht, und dass es sich dabei um einen ausgesprochen gut geführten, sauberen und gut sortierten Laden handelt.
Ich stand gerade bei den Einkaufswagen, steckte einen Pfandeuro hinein und zog die Kette heraus. Direkt neben mir stand eine junge Frau. Eigentlich wirkte sie ganz normal auf mich. Und das ist es, was mich nachträglich so erschreckt. Sie zog ein Tütchen mit einem Desinfektionstüchlein heraus, welches sie auspackte und die Stange des Einkaufswagens sorgfältig und mit angewidertem Gesicht abwischte. Ohne dass ich irgendetwas zu ihr gesagt hatte, fühlte sie sich zu folgender, in hysterischem Ton vorgetragener Erklärung bemüßigt: „Supermärkte sind dreckiger als öffentliche Toiletten! Wussten Sie das? Alleine an den Stangen der Einkaufswagen kann man sich sonst was holen, wenn man sie anfasst!“ Auf meine Frage, was sie damit meine, antwortete sie: „Ich habe da neulich so eine Fernsehsendung gesehen! Keime wohin man blickt, in sämtlichen Supermärkten!“ Inzwischen waren wir bis zum Obst- und Gemüsestand vorgedrungen. Doch der Redeschwall der Dame riss nicht ab. Sie erklärte allen Umstehenden, wie schmutzig dieser und alle anderen Supermärkte in Wirklichkeit seien. Nun, wer mich kennt, der weiß, dass ich ein eher cholerisches Temperament habe, wenn ich es auch manchmal gut zu zähmen gelernt habe. In diesem Moment jedoch ging mir durch den Kopf, wie froh wir allesamt sein können über die fantastische Versorgungslage in unserem Land. Wann immer hier jemand Hunger hat, kann er in einen Supermarkt gehen und bekommt frische, saubere Lebensmittel nach Herzenslust, und das Ganze auch noch preiswert und schmackhaft präsentiert. Die Mitarbeiter unseres hiesigen und auch zahlloser anderer Läden machen wirklich einen phänomenalen Job.
Nun. Das sah die offensichtlich verwöhnte Dame ein wenig anders und tat ihr Bestes, die Anwesenden vom Gegenteil zu überzeugen. Es musste etwas geschehen! Ich entschloss mich zu einer drastischen Maßnahme. Ich sagte also zu der Dame: „Schauen Sie doch bitte einmal hierher!“ Dann steckte ich genüsslich meinen Finger in den Mund, befeuchtete ihn mit Speichel und strich mit dem Finger mehrmals über die Stange des Wagens. Dann steckte ich ihn abermals in den Mund, leckte ihn demonstrativ ab und sagte zu den Umstehenden: „So! Und wenn ich morgen noch am Leben bin, dann hat die Dame hier offensichtlich übertrieben. Und wenn nicht, interessiert es mich sowieso nicht mehr!“
Das Tempo, in welchem die Frau verschwunden war, wäre eines Michael Schumacher in seiner besten Zeit würdig gewesen.
Was möchte ich nun eigentlich mit diesem scheinbar eher belanglosen Erlebnis ausdrücken? Nun. Die Frau hatte sich ausdrücklich auf Informationen aus einer Fernsehsendung berufen, welche sie offensichtlich verängstigt hatten. Allzu bereitwillig öffnen wir oft unsere Augen und Ohren für Katastrophenmeldungen, die augenscheinlich nur zu einem Zweck erstellt wurden: Zur Füllung des Sommerlochs. Oder zur Sicherung der Ernährung diverser Sensationsjournalisten oder, wie in diesem Fall, Laboranten.
Meiner Meinung nach ist es ein ziemlich hoher Preis, den wir als Gesellschaft dafür zahlen. Jedes Mal, wenn solch eine marodierende Mediensau durch das Dorf getrieben wird, verlieren wir ein kleines Stückchen der Selbstverständlichkeit unseres Daseins. Ein winziges Quäntchen Lebensfreude. Ein minimales Teilchen von Vertrauen und Dankbarkeit für das was wir haben. Heute wischen wir die Stange des Einkaufswagens mit Desinfektionsmittel ab. Und morgen vielleicht bekommen wir Beklemmungen beim Besteigen eines öffentlichen Busses. Übermorgen dann verlassen wir das Haus überhaupt nicht mehr.
Etwas mehr Gelassenheit täte not. Und die Erkenntnis, dass es eine riesige Anzahl von Berufsgruppen gibt, die schließlich auch leben müssen. Und sei es auf Kosten unserer Lebensfreude. In diesem Sinne, Ihre Ursula Prem ©Ursula Prem, August 2008 |
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